Wenn die Vergangenheit plötzlich im Heute auftaucht

Wie ist es eigentlich, mit einem Trauma zu leben?

Für mich bedeutet es manchmal, dass mein Kopf ganz genau weiß, dass gerade nichts passiert.

Und mein Körper trotzdem reagiert, als wäre ich wieder dort.

Ein Satz.
Ein Tonfall.
Eine Situation.
Ein Blick.
Eine Berührung.

Und plötzlich sind da Gefühle, die so groß sind, dass sie kaum in den Moment zu passen scheinen.

Angst.
Wut.
Traurigkeit.
Hilflosigkeit.
Misstrauen.

Das Schwierige daran ist: Die Menschen, die gerade vor mir stehen, können oft überhaupt nichts dafür.

Sie haben nichts getan.

Und trotzdem fühlt es sich für einen Moment so an, als würde alles wieder passieren.

Ich weiß rational, dass dieser Mensch nicht der Mensch aus meiner Vergangenheit ist.

Ich weiß, dass ich heute gehen kann.
Dass ich Grenzen setzen kann.
Dass ich jetzt andere Möglichkeiten habe.

Aber Gefühle funktionieren nicht immer rational.
Ein Teil von mir reagiert nicht auf das, was gerade passiert.
Er reagiert auf das, was einmal passiert ist.

Wie soll ich erklären, warum mich etwas gerade so tief trifft, wenn ich selbst manchmal nicht sofort verstehen kann, warum?

Mein Gefühl ist echt. Aber es bedeutet nicht automatisch, dass meine Interpretation der aktuellen Situation richtig ist.

Meine Angst ist echt. Aber sie bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich gerade in Gefahr bin.

Meine Wut ist echt. Aber sie bedeutet nicht automatisch, dass der Mensch vor mir etwas falsch gemacht hat.

Und das ist vielleicht eine der schwierigsten Lektionen:

Meine Vergangenheit darf erklären, warum ich fühle, was ich fühle.
Aber sie muss nicht bestimmen, wie ich heute handle.
Ich möchte meine Gefühle nicht wegdrücken sondern verstehen.

Und vielleicht bedeutet Heilung für mich deshalb nicht, irgendwann gar nichts mehr zu fühlen.

Vielleicht bedeutet Heilung vielmehr, dass zwischen dem Gefühl und meiner Reaktion immer mehr Raum entsteht.

Ein kleiner Moment zum Atmen.

Zum Innehalten.

Zurück zum Blog